Berlin (energate) – Eine neue Studie des Instituts für Zukunftsenergie- und Stoffstromsysteme (IZES) hält die bisherigen politischen Annahmen zur künftigen Substitution von Erdgas durch Biogas für zu niedrig angesetzt. Demnach könne Biogas wesentlich schneller und in größerem Umfang Erdgas ersetzen. Das Potenzial der Biogasbranche in gängigen Energiesystemstudien, die der Bundesregierung als Grundlage für ihre Szenarien und die Kraftwerksstrategie dienen, sei „systematisch unterschätzt“, bilanzieren die IZES-Forschenden. Biogas könnte bereits Mitte der 2030er-Jahre relevante Erdgasanteile im Strom- und Wärmesektor ersetzen sowie Anwendungen im Wasserstoffbereich bedienen. Dies gelte sowohl für die flexible Verstromung als auch für die Biomethanrückverstromung. Die Studienergebnisse widersprechen der Prämisse, dass Deutschland für die Versorgungssicherheit zwingend zahlreiche neue H2-ready-Gaskraftwerke benötige.
Vollständiger Ersatz durch Biomethanrückverstromung ab 2035
Bereits im Jahr 2035 könne die Rückverstromung von Biomethan den Verstromungsbedarf von Erdgas und Wasserstoff vollständig ersetzen, hob Patrick Matschoss, wissenschaftlicher Mitarbeiter des IZES in den Arbeitsfeldern Energiemärkte und Stoffströme, bei der Vorstellung der Studie hervor. Selbst bei Berücksichtigung von Infrastrukturrestriktionen sei noch ein 72-prozentiger Ersatz möglich. Spätestens 2040 könne auch bei infrastrukturbedingten Verzögerungen eine 100-prozentige Substitution erreicht werden. Bei der Vor-Ort-Verstromung liege das Biogaspotenzial den Berechnungen zufolge im Jahr 2035 bei 42 Prozent und fünf Jahre später bei 80 Prozent. Auch für die stoffliche Nutzung von Biogas berechnet die Studie ein hohes Potenzial, das in Abhängigkeit von der Infrastruktur 2035 bei durchschnittlich 47 beziehungsweise 69 Prozent und 2040 bei 63 und 92 Prozent liegt.
Reduktion von Treibhausgasen, Importabhängigkeiten und Kosten
Biogas könne nicht nur bei der Reduktion von Treibhausgasen und Importabhängigkeiten einen signifikanten Beitrag erbringen, indem es die Kreislaufwirtschaft stärke. Es spiele auch kostenseitig seine Vorteile gegenüber importiertem Erdgas, LNG sowie Wasserstoff aus. Denn „werden aktuelle Post-EEG-Anlagenkonzepte zugrunde gelegt, liegen die Stromgestehungskosten für Biogas am unteren Rand bekannter Schätzungen, trotz geringer Volllaststunden und weiterer konservativer Annahmen“, fügte Matschoss hinzu.
Politische Kurskorrektur gefordert
Mit Blick auf die Studienergebnisse warnte Horst Seide, Präsident des Fachverbands Biogas (FVB), vor milliardenschweren politischen „Fehlentscheidungen“. Investitionen in neue fossile Gaskraftwerke nannte er „ökonomischen und ökologischen Irrsinn“. Analog zu anderen europäischen Staaten müsse die Bundesregierung eine „Biogas- und Biomethanstrategie auf den Weg bringen“, damit Biogas „ab Mitte des nächsten Jahrzehnts massiv Erdgas substituieren kann“. Noch verfüge die deutsche Biogastechnologie ihm zufolge über einen globalen Wettbewerbsvorsprung. Doch ohne Planungssicherheit seien dieser und die heimischen Arbeitsplätze stark gefährdet. Die Ergebnisse der IZES-Studie sollten in zentrale Gesetzgebungsprozesse wie das Biomassepaket, die Kraftwerksstrategie, das Gebäudeenergiegesetz (GEG) und die Gasnetzzugangsverordnung zugunsten von Biogas einfließen, so die zentrale Forderung des Branchenverbandes. /ne


