Berlin (energate) – In der Reform der Netzentgeltsystematik kommen große Veränderungen auf industrielle Großverbraucher zu. Die Bundesnetzagentur will das bisherige Bandlastprivileg streichen und stattdessen eine stärkere Flexibilisierung der Stromnachfrage anreizen. energate sprach mit Matthias Belitz, Bereichsleiter für Nachhaltigkeit, Energie und Klimaschutz im Verband der Chemischen Industrie (VCI), über die Pläne und Flexibilitätspotenziale in der Industrie.
energate: Herr Belitz, die Bundesnetzagentur (BNetzA) plant im Reformprozess zu den Netzentgelten eine Beendigung des bisherigen Bandlastprivilegs für industrielle Großverbraucher. Stattdessen soll die neue Netzentgeltsystematik eine stärkere Flexibilisierung anreizen. Die Industrie steht dem Vorhaben kritisch gegenüber. Warum?
Belitz: Zunächst einmal gebührt der Bundesnetzagentur Lob für die Ausgestaltung des Dialogprozesses zur Netzentgeltreform. Das ist prozessual durchdacht und wir fühlen uns in einem offen geführten Dialog wahrgenommen. Inhaltlich halten wir Teile der Pläne der BNetzA aber für problematisch: In der gesamten Diskussion um die Netzentgeltreform erscheint mir der Aspekt der Flexibilisierung der Industrie überbetont. Wir plädieren dafür, den Lösungsraum in seiner gesamten Breite zu betrachten. Dabei sollten insbesondere die Potenziale auf der Erzeugungsseite nicht unterschätzt werden. Es kann nicht Ziel der Übung sein, dass die Verbrauchsseite unter großen Anstrengungen Flexibilitäten bereitstellen soll, während die Erzeugungsseite – gerade bei den volatilen Erneuerbaren – weiterhin ungesteuert einspeist. Der Reformbedarf bei den Netzentgelten geht ja vor allem auf die Veränderungen im Erzeugungsbereich zurück.
energate: Sehen Sie die Industrie in eine Debatte hineingezogen, für die sie gar nicht verantwortlich ist?
Belitz: Das kann man so sehen. Ich bin aber überzeugt, dass das Lösungsspektrum grundsätzlich breit ist und am Ende jeder Player im Stromsystem eine gewisse Verantwortung tragen muss. Dazu gehört für mich auch, die volatilen Einspeiser stärker an den Netzkosten zu beteiligen. Dazu sind ja verschiedene Ansätze in der Diskussion, beispielsweise Baukostenzuschüsse oder Änderungen im Redispatch-Regime. In diesem Kontext muss auch die Rolle der Stromspeicher neu diskutiert werden.
energate: Inwiefern?
Belitz: Es heißt zwar allgemein, Stromspeicher können helfen, Lastspitzen zu verschieben. In der Praxis nutzen Speicher aber vor allem untertägige Preisspreads aus, die nichts mit echter Lastverschiebung zu tun haben. Vor dem Hintergrund ist zu hinterfragen, wie eine grundsätzliche Netzentgeltbefreiung begründet ist. Wenn das Geschäftsmodell von Batteriespeichern nicht auf Netzdienlichkeit ausgelegt ist, dann sollten sie nicht von Ausnahmen bei den Netzkosten profitieren. Eine Netzdienlichkeit kann ich jedenfalls nicht erkennen, wenn sich Speicher im 15-Minuten-Takt rein handelsseitig optimieren.
energate: Die Netzentgeltrabattierung ist ein großer Subventionstatbestand für die energieintensive Industrie. Gewährleisten die Reformpläne der Bundesnetzagentur eine ähnliche Form der Subventionierung oder läuft es auf eine Mehrbelastung der Industrie hinaus?
Belitz: Sie legen den Finger in die Wunde. Die Bundesnetzagentur argumentiert, sie habe als Regulierungsbehörde keinen industriepolitischen Auftrag. Ihre Aufgabe sei es, die Netzstabilität zu sichern. Das ist formal richtig, aber man kann bei den individuellen Netzentgelten für Großverbraucher die industriepolitische Komponente nicht komplett ausblenden. Das lässt sich in der Praxis nicht voneinander trennen. Dazu muss man sich nur vor Augen halten, dass die Bundesregierung die Netzentgelte mit einem Betrag von 6,5 Mrd. Euro bezuschusst – eine eindeutig politische Maßnahme, die richtigerweise zur Entlastung der Stromverbraucher in die Netzentgeltsystematik eingreift. Wenn die Bundesnetzagentur gleichzeitig Regeln einführt, die deutlich höhere Kosten für industrielle Großverbraucher bedeuten, passt das nicht zusammen. Dieser Widerspruch muss aufgelöst werden. Wir wünschen uns eine engere Verzahnung zwischen Bundesnetzagentur und Bundeswirtschaftsministerium, damit die Maßnahmen koordiniert ineinandergreifen und sich nicht konterkarieren.
energate: Also läuft es am Ende auf eine Mehrbelastung der Industrie hinaus?
Belitz: Hier kommen wir zu einem grundsätzlichen Problem des gesamten Prozesses: Die BNetzA kann die Auswirkungen ihrer Änderungen nicht quantifizieren. Das sagt sie selbst. Es gibt keine Simulation der Folgen für die Industrie. Zur Erinnerung: Die Stromnetzentgelte summieren sich jährlich auf mehr als 40 Mrd. Euro. Ein solches System kann man nicht grundlegend verändern, ohne zu wissen, was am Ende bei den Kostentragenden herauskommt. Wir brauchen konkrete Zahlen, was bei unseren Unternehmen am Ende je nach Modell auf der Stromrechnung steht.
energate: Hat die Industrie selbst analysiert, welche monetären Folgen womöglich auf sie zukommen?
Belitz: Das ist sehr fallspezifisch – sowohl für einzelne Anlagen als auch für Standorte. Die Chemieindustrie ist sehr heterogen und unterscheidet sich nach Prozessen. Viele Parameter entscheiden darüber, ob und wie flexibel man agieren kann. Man könnte aber mit sehr groben Annahmen simulieren. Dazu fehlt uns aber die Transparenz über Veränderungen anderer Verbraucherbranchen. Hinzu kommt die offene Frage, ob und wie zukünftig auch volatil Einspeisende und beziehungsweise oder Speicher an den Netzentgelten beteiligt werden. Quantitativ tappen wir im Dunkeln. Aber man kann nicht losgelöst von konkreten Zahlen diskutieren. Wir haben die BNetzA wiederholt um mehr Übersicht gebeten – bisher vergeblich.
energate: Die chemische Industrie hat stark betont, dass es bei der Flexibilisierung von Prozessen praktische Grenzen gibt. Werden Ihre Einwände wahrgenommen?
Belitz: Grundsätzlich fühlen wir uns gehört und einige Argumente haben auch Eingang in den Prozess gefunden. Die Bundesnetzagentur hat auch anerkannt, dass in gewissen Produktionsprozessen kein Spielraum für Flexibilisierung besteht. Wir sehen aber nicht, dass die Behörde daraus die entsprechenden Schlüsse zieht. Stattdessen vertritt sie die Argumentation, dass man mit der Installation von Batteriespeichern auch in solchen Fällen eine Flexibilisierung erreichen kann. Diese Haltung wird der Komplexität im Einzelfall nach meiner Einschätzung nicht gerecht. Diese Flexibilität kostet zusätzliche Investitionen – in einer Phase, in der viele Unternehmen ohnehin vor enormen Transformationskosten stehen. Darüber hinaus macht es systemisch keinen Sinn, ungesteuerte Erzeugungsspitzen erst durch das gesamte Stromsystem zu befördern, um sie dann beim Verbraucher zu puffern. Hier stehen die erreichbaren Flexibilitätspotenziale und die erforderlichen Investitionen in keinem guten Verhältnis.
energate: Was schlagen Sie vor?
Belitz: Wie gesagt, den Vorschlag der BNetzA, eigene Speicherkapazitäten aufzubauen, halten wir in der betrieblichen Praxis nur für begrenzt anwendbar. Zumal das auch vom Platzangebot nicht immer realisierbar wäre. Wir brauchen eine Lösung für solche Unternehmen, die nicht in der Lage sind, ihre Prozesse zu flexibilisieren. Die dürfen bei der Reform der Netzentgelte nicht einfach durchs Raster fallen. Allein lange Übergangsfristen helfen da nicht weiter. An diesem Punkt sind wir in den Diskussionen leider noch nicht vorangekommen, bringen uns aber selbstverständlich gern in den weiteren Austausch ein.


