Berlin (energate) – Beim Energietag des Weltenergierats Deutschland in Berlin haben Spitzenvertreter der Übertragungsnetzbetreiber und des Bundeswirtschaftsministeriums vor wachsenden Strukturproblemen der Energiewende gewarnt. Im Zentrum standen, wie Netzanschlüsse künftig priorisiert werden sollen, der Umgang mit einer explodierenden Anschluss-Pipeline für Großbatterien sowie die strategische Ausrichtung des Energiesystems bis 2045.
Stefan Kapferer, 50-Hertz-Chef und Präsident des Weltenergierats Deutschland, bemerkte deutliche Unterschiede bei der Zahlungsbereitschaft einzelner Branchen für Netzanschlüsse. Hintergrund ist eine von den Übertragungsnetzbetreibern eingeführte Bearbeitungsgebühr von 50.000 Euro für Netzanschlussanfragen, um den Anfrageboom in den Griff zu kriegen. „Die, die am Ende diese Gebühren nicht bezahlt haben, waren durch die Bank weg Elektrolyseprojekte. Die Rechenzentren haben alle bezahlt, die Batteriespeicher-Projekte haben alle bezahlt“, sagte Kapferer.
Kapferer: Privilegierung der Erneuerbaren überholt
Da erneuerbare Energien nach EEG keine Gebühren zahlen müssen, plädierte Kapferer für ein Umdenken. Die Privilegierung der Erneuerbaren hält er für überholt: „Die Erneuerbaren laufen super im Markt, die brauchen gar keinen Welpenschutz mehr.“ Grundsätzlich müssten Privilegierungstatbestände beim Netzanschluss abgeschafft werden. Für künftige Netzanschlüsse fordert er klare Kriterien und eine Beteiligung der Erneuerbaren über Baukostenzuschüsse.
Amprion-Chef Christoph Müller warnte in diesem Zusammenhang vor einem exponentiellen Zubau an Batteriespeichern. Die Bundesnetzagentur hatte Ende 2024 rund 400 GW an Netzanschlussanfragen registriert, der BDEW nannte kürzlich 720 GW. Müller geht von noch höheren Zahlen aus. Insgesamt rechnet er mit einer Pipeline von rund 1.000 GW, eine Größenordnung, die das deutsche Stromsystem deutlich überfordere. „Das deutsche Netz ist für eine Last von 80 GW ausgelegt“, sagte er. Amprion selbst habe 70 GW zugesagt und plane, bis 2029 weitere 33 GW ans Netz zu bringen. Viele der Anfragen seien jedoch „Phantomprojekte“. Die von Amprion eingeführte Bearbeitungsgebühr von 50.000 Euro pro Antrag habe 65 Prozent der Projekte aus dem Markt gedrängt.
Knappe Ressource Netzanschluss
Müller bezeichnete den Netzanschluss als inzwischen „knappe Ressource“ und forderte abermals eine Abkehr vom Windhundprinzip. Künftig müsse nach Kriterien wie Finanzierung, Technologie und Grundstückslage priorisiert werden. Diese Frage gehöre in die Regulierung, nicht zu den Netzbetreibern, erklärte er. Als Privatperson habe er eine klare Meinung: Ein Industrieunternehmen müsse Vorrang vor einem Batteriespeicher erhalten. Die Übertragungsnetzbetreiber arbeiten aktuell an einem Reifegradverfahren, um die Netzanschlussverfahren besser bewältigen zu können. Dieses werde im Kern jedoch ein Windhund-Verfahren bleiben und das eigentliche Problem der knappen Netzanschlüsse nicht lösen. Hingegen hatte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) Ende November angekündigt, Qualitätskriterien für den Netzanschluss entwickeln zu wollen.
Auch die Netznutzung selbst wird laut Müller zum Engpass, da Batterien nicht per se netzdienlich seien und in Sekunden von einer Lastaufnahme zu einer Einspeisung im Umfang von 500 MW wechseln könnten. Amprion schlägt deshalb ein sogenanntes „Central Dispatch“-Modell vor. Die Resonanz darauf sei jedoch „ernüchternd“ gewesen. Es gebe einen großen Konsens bei der Problembeschreibung, aber kaum Bereitschaft zur Lösung, so Müller. Er forderte ein „neues Betriebssystem für den Strommarkt“. Die zentrale Herausforderung sei längst nicht mehr der Zubau der Erneuerbaren – deren Anteil überschreite 60 Prozent -, sondern deren sichere Integration. „Wir stehen vor einer neuen Welt“, sagte Müller. Ohne Anpassung der Regeln drohten Engpässe und eine ineffiziente Kostenverteilung.
Europäische Zusammenarbeit im Fokus
Kapferer und Müller warben zudem für eine stärkere europäische Zusammenarbeit. Kapferer verwies auf das für den 10. Dezember erwartete EU-Grid-Package, das unter anderem acht neue europäische Stromautobahnen fördern soll. „Windparks in der dänischen Ostsee anzubinden ist für den deutschen Stromkunden günstiger als manche radiale Lösung in der Nordsee.“ Für diese Großvorhaben seien jedoch höhere Eigenkapitalzinssätze notwendig, „damit sich Netzinvestitionen auch ohne öffentliche Förderung tragen“, ergänzte Müller.
Energiepolitik als Friedenspolitik
Aus dem Bundeswirtschaftsministerium kam Unterstützung für einen breiteren energiepolitischen Blick. Staatssekretär Frank Wetzel warnte, die weltweite Energiewende sei ein „Jahrzehnte langer Prozess“ und werde von geopolitischen Risiken geprägt. Laut World Energy Outlook 2025 werde der globale Stromverbrauch bis 2035 um 40 Prozent steigen. Gas, Erneuerbare und Wasserstoff gewännen an Bedeutung, Öl und Kohle verlören weiter. „Energiepolitik ist auch Sicherheitspolitik – und damit Friedenspolitik“, sagte Wetzel. Wasserstoff sei für Deutschland „ein großes Zukunftsthema“, das „pragmatisch, nicht dogmatisch“ gestaltet werden müsse. Dafür seien regulatorische Öffnungen auf EU-Ebene nötig. CCS-Technologien müssten ebenfalls genutzt werden.
Für den Umbau des Energiesystems veranschlagt das Ministerium einen „hohen dreistelligen Milliardenbetrag“ in den kommenden 15 bis 20 Jahren. Neben staatlichen Haushaltsmitteln müsse Kapital aus aller Welt mobilisiert werden. Voraussetzung sei „predictability“, also langfristige Planungssicherheit für Investoren. Wetzel nannte zudem drei zentrale Punkte aus dem Monitoring zu Energiewende: realistische und belastbare Strombedarfsprognosen, Effizienzsteigerungen sowie mehr Flexibilität durch beschleunigte Digitalisierung. /mh


