Dortmund (energate) – Die Wärmewende in der Industrie droht Deutschlands Stromnetzbetreiber absehbar zusätzlich unter Druck zu bringen. Jetzt schon warten die Bauherren und Betreiber von Batteriespeichern und Rechenzentren zum Teil Jahre auf Netzanschlusszusagen. Zugleich gilt die Umstellung von Erdgas auf Wärmepumpen als einer der ganz großen Hebel zur Dekarbonisierung von wärmebasierten Produktionsprozessen, sei es in der Lebensmittel-, Chemie-, Bau- oder Stahlindustrie. Dies wiederum bringt zusätzliche Konkurrenz beim „Windhundrennen“ rund um Anschlussbegehren. Auf diesen Umstand wies VDMA-Geschäftsführer Dennis Rendschmidt zum Start der Fachmesse „HEATEXPO“ in Dortmund hin. Generell gebe es in der gegenwärtigen Wärmewendepolitik einen „blinden Fleck“ in Sachen Prozesswärme, kritisierte Rendschmidt auch mit Blick auf den Monitoringbericht des Bundeswirtschaftsministeriums.
Überall dort, wo fossil erzeugte Prozesswärme unter der Schwelle von 200 Grad bleibt, erläuterte er, sei die Elektrifizierung über eine Wärmepumpe technisch betrachtet ein geeignetes Mittel der Wahl. Zugleich verwies er darauf, dass aktuell noch beinahe drei Viertel der industriell erzeugten Prozesswärme aus fossilen Quellen – meist aus Erdgas – stammen. „Mehr als 90 Prozent davon sind für die Elektrifizierung geeignet.“ Weil die Industrie dafür generell ebenso wie Rechenzentren oder Batteriespeicher „große Leitungen“ brauche, steige der Konkurrenzdruck. Die gegenwärtig teils sehr hohen Wartezeiten haben hitzige Debatten um die derzeit praktizierte Vergabepraxis nach dem Prinzip „die ersten bekommen den Zuschlag“ ausgelöst.
VDMA: Kapitalausstattung der Stromnetzbetreiber ausbaufähig
Rendschmidts Petitum dazu: Es brauche besser koordinierte Netzausbauplanung. Zudem plädierte er dafür, die finanzielle Ausstattung der Netzbetreiber über die Anreizregulierung stärker zu verbessern als im sogenannten NEST-Prozess bislang geschehen. „Es geht darum, dass man hier nicht diskriminiert und dass die Netzbetreiber tatsächlich in eine Lage versetzt werden, investieren zu können“, stellte der VDMA-Funktionär klar.
Mit diesem Standpunkt liegt der VDMA ganz auf der Linie des Stadtwerkeverbands VKU. Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing fand zum Start der Messe in Dortmund kritische Worte zum Windhundprinzip bei Anschlussbegehren im Stromnetz. Er betonte, dass allein der gegenwärtige Batteriespeicherboom für einen Großteil des Rückstaus bei den Netzbetreibern verantwortlich sei. „Wir haben zwar über 200 GW Speicheranmeldungen, das ist brutal“, so Liebing. Allerdings sei davon auszugehen, dass lediglich 10 Prozent davon tatsächlich realisiert werden, so Liebing weiter.
VDMA: Industriestrompreis setzt keine Investitionsanreize
Dass bei der Elektrifizierung der industriellen Prozesswärme bislang noch kein vergleichbarer Wärmepumpenboom eingesetzt hat, liegt wiederum nach Einschätzung von VDMA-Geschäftsführer Rendschmidt vor allem an den nach wie vor hohen Strompreisen. Diese würden die entsprechenden Investitionsentscheidungen erschweren. Der Industriestrompreis, so wie er ab Januar 2026 als staatlich induzierte Industrieentlastung starten soll, ändert daran allerdings wenig, wie Rendschmidt gegenüber energate sagte. Das Instrument sei zwar hilfreich und fließe in Investmentkalkulationen ein. Die Subvention sei jedoch nicht in der Lage, Unternehmen bei der Elektrifizierung der Prozesswärme über die Investmentschwelle zu helfen. „Dazu braucht es das Zusammenspiel verschiedener Faktoren.“ Der Industriestrompreis sei nicht dazu angelegt, Investitionen zu incentivieren, sondern Firmen mit hohen Stromrechnungen zu entlasten, sagte er mit Verweis darauf, dass der Bund die Subvention auf drei Jahre anlegen musste, um EU-Beihilferechtsvorgaben zu erfüllen. /pa


