Potsdam (energate) – Deutschlands Cleantech-Industrie braucht bessere Resilienzstrategien. Sowohl die Hersteller von Windrädern, PV-Technik, Stromspeichern, Elektrolyseuren und Co. als auch die Politik sollten gezielte Maßnahmen gegen die wachsende Importabhängigkeit von Rohstoffen und Bauteilen aus China ergreifen. Dafür plädiert eine neue Studie der Forschenden des Kopernikus-Projekts Ariadne. Besonders groß ist die Abhängigkeit von China demnach bei den Rohstoffen Gallium und Grafit, bei Wafern für PV-Module und bei PV-Modulen selbst. In all diesen Bereichen beziffert die Studie den Marktanteil chinesischer Unternehmen über 80 Prozent.
Zwei Kernprobleme identifiziert die Studie, die jeweils von mehreren Faktoren gespeist werden. Auf der einen Seite geht es um fehlende einheimische Produktionskapazitäten und auf der anderen Seite um unzureichende Resilienz in der Lieferkette. So würden viele Hersteller ihre Bezugsquellen zwar diversifizieren, dies jedoch häufig nicht konsequent genug. Das wiederum hänge teils mit dem Aufwand zusammen, der nötig ist, um über die eigene Lieferkette detailliert genug informiert zu sein. Mit Blick auf die Produktionskapazitäten rät die Studie unter anderem zu beachten, woher die Eigentümer der jeweiligen einheimischen Werke kommen.
„Aus der Energiekrise und von der Pandemie lernen“
Generell gehe es beim Schutz der Cleantech-Industrie nicht allein um Klimaschutz, sondern vor allem auch um den Erhalt von Wirtschaftswachstum, konstatierte Michael Jakob vom Team Climate Transition Economics des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), das die Studie verantwortet. Dazu verwies er auf den wachsenden Anteil von Cleantech am weltweiten Bruttoinlandsprodukt. Dieses habe schon 2023 bei 10 Prozent gelegen. Deshalb, so die Studienautoren, gelte es aus der industriellen und damit gesamtwirtschaftlichen „Abhängigkeit von russischem Erdgas“ sowie den Engpässen währende der Corona-Pandemie zu lernen.
Gleichzeitig stellt der Ariadne-Report einen wesentlichen Unterschied zwischen der Abhängigkeit von Energieträgern wie Öl-, Gas, und perspektivisch grünem Wasserstoff und Hightech-Gütern der Cleantech-Branche heraus: Anders als bei der Energieversorgung spiele die unbedingte und kurzfristige Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit bei Cleantech-Komponenten wie Solarmodulen, oder Bauteilen für Windräder und Stromspeicher eine untergeordnete Rolle.
Geopolitische Rivalitäten und Lobbyismus unter Umständen schädlich
Wichtiger für die Industrie und die Industriepolitik sei es, inländische Produktionskapazitäten zu sichern – „geleitet von mittel- bis langfristigen industriepolitischen Prioritäten bezüglich Wettbewerbsfähigkeit und inländischer Wertschöpfungsketten“, schreiben die Autoren. Ein Kernargument: Gerät die Lieferkette bei strategisch wichtigen Bauteilen unter Stress, ist der Cleantech-Bestand, seien es Windräder, Großbatterien oder Elektrolyseure, nicht direkt betroffen. „Unterbrechungen der Versorgung würden in diesem Fall lediglich den Kapazitätsausbau verlangsamen“, heißt es in der Studie. Zugleich weist das Forscherteam daraufhin, dass die natürlichen Begebenheiten bei kritischen Rohstoffen wie Seltenen Erden eher für Abhängigkeiten sorgen als etwa Solarmodule oder Windradbauteile. Schließlich könnten entsprechende Werke überall errichtet werden.
Gegenwärtig baut die EU eine IT-Plattform auf, die EU-Unternehmen den Zugang zu kritischen Rohstoffen erleichtern soll. Deutschlands Maschinenbauer mahnen die politischen Akteure zur Eile. „Die gegenwärtige Aussetzung der verschärften chinesischen Ausfuhrkontrollen für Seltene Erden gibt der EU nur ein Jahr Zeit, um wirkungsvolle Maßnahmen auf den Weg zu bringen“, erklärte der Verband VDMA. Erneute Verschärfungen seitens China hätten sonst massive Konsequenzen, so die Warnung. Die Kopernikus-Studie rät bei konkreter politischer Unterstützung indes zu „klaren Kriterien für ihre Ausgestaltung, damit sie nicht die Kosten der Energiewende in die Höhe treiben und damit die nationale Wohlfahrt schmälern.“ Geopolitische Rivalitäten und Lobbyismus inländischer Unternehmen könnten in den Augen der Forschenden „auch dazu führen, dass Maßnahmen unter dem Vorwand eingeführt werden, Marktversagen zu korrigieren, aber in Wirklichkeit strategischen oder protektionistischen Zielen dienen“, warnen sie.
Handelsquoten und Förderung von Kreislaufwirtschaft als politische Instrumente
Ferner gelte es Infrastruktur zu fördern, die Industrieansiedlungen generell hilft, ebenso wie Forschungs- und Entwicklungsinitiativen und den Aufbau von Kreislaufwirtschaft. Vor pauschalen Handlungsbeschränkungen wie Strafzöllen warnen die Forschenden zwar. Allerdings plädieren sie für „Handelsquoten und gestaffelte Zollkontingente, die sicherstellen, dass der Importanteil aus einem einzelnen Land unter einem festgesetzten Schwellwert bleibt“. Das fördere Freihandel und Wettbewerb, sei „ohne zusätzliche Steuermittel umsetzbar und vermeidet gleichzeitig übermäßige Abhängigkeiten“, hieß es. Ein solcher Mechanismus sei beispielsweise für E-Autos und Hybridfahrzeuge in Brasilien eingeführt worden. /pa


