Bonn (energate) – Die Liberalisierung der Strom- und Gasmärkte ist eine Erfolgsgeschichte. Für Verbraucher sowie Gewerbe- und Industriekunden brachte die Marktöffnung spürbare Vorteile mit sich: mehr Wahlfreiheit und Wettbewerb, Einsparmöglichkeiten durch Anbieterwechsel, transparentere Preise und Produkte, verbesserte Service‑ und Vertragsoptionen sowie eine Stärkung der Verbraucherrechte. Zu diesem Urteil kommt der 20. Monitoringbericht von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt.
Die beiden Behörden haben das Jubiläum des Berichts als Anlass genommen, ein Resümee auf 20 Jahre Marktliberalisierung zu ziehen. „Die Entflechtung von Erzeugung, Netz und Vertrieb hat sich aus wettbewerblicher Sicht als Erfolgsgeschichte erwiesen“, erklärte Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes. Im Bereich der Strom- und Gasvertriebsmärkte gebe es inzwischen eine Vielfalt von Angeboten, die „weit über die ursprünglichen Erwartungen hinausgeht“, so Mundt weiter. So konnten die deutschen Haushalte im Betrachtungsjahr 2024 zwischen 139 Strom- und 108 Gasanbietern wählen. „Die Energieversorger haben ihre ehemaligen marktbeherrschenden Stellungen auf den wichtigsten Strom- und Gasvertriebsmärkten verloren“, bilanziert der Bericht. Seit mehr als zehn Jahren habe kein Anbieter mehr eine marktbeherrschende Stellung erreicht. Nur in 0,5 Prozent der Netzgebiete gebe es demzufolge nur einen potenziellen Lieferanten. In 76,7 Prozent der Netzgebiete kann hingegen zwischen mehr als 100 Lieferanten gewählt werden – der höchste jemals erreichte Wert.
Lieferantenwechsel nehmen zu
Auch bei den Lieferantenwechseln zeigt sich das Vertrauen in den Markt. 2024 wechselten rund 7,1 Mio. Stromkundinnen und -kunden ihren Anbieter. Ein Plus von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr und ein Allzeithoch. Die Wechselquote lag bei rund 14 Prozent, zusätzlich nahmen über 3,3 Mio. Kundinnen und Kunden Vertragsanpassungen beim bisherigen Lieferanten vor. Auch im Gasmarkt erreichten die Wechsel mit rund 2,3 Mio. Haushalten einen Rekordwert – 2023 waren es noch 1,8 Mio. Wechsel. Die Wechselquote betrug etwa 17 Prozent, dabei passten rund 1,2 Mio. Gaskundinnen und -kunden ihre Verträge selbständig an. „Die Zahlen zeigen, dass Verbraucher heute mehr Möglichkeiten denn je haben, den für sie passenden Tarif auszuwählen“, erklärte Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur.
Entwickelt sich der Gasmarkt in eine neue Abhängigkeitssituation?
Der Gasmarkt hat sich seit dem ersten Monitoringbericht grundlegend verändert. Nach dem Ende der russischen Pipelineimporte im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine fungiert Deutschland heute als europäischer Import-Hub. Das meiste Gas kam 2024 aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien. Dafür wurden die physikalischen Gasflüsse an den Grenzüberschreitungspunkten herangezogen. Norwegen exportierte dabei mit 416,4 TWh fast genauso viel Gas nach Deutschland wie die Niederlande, Belgien und das LNG-Gas zusammen. Diese drei Exporteure kommen zusammen auf 440 TWh. Über die deutschen LNG‑Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und Mukran wurden 2024 rund 8 Prozent des Gesamtvolumens importiert, davon stammten etwa 91 Prozent aus den USA.
Energiekosten sinken
Die Kosten für Gas- und Strom entspannten sich im Frühjahr 2025. Haushaltskunden zahlten durchschnittlich 12,13 Cent/kWh, ein Rückgang um drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Haushaltsstrom sank ebenfalls – um vier Prozent auf durchschnittlich 40,1 Cent/kWh. Auch die Preise für Industrie- und Gewerbekunden sanken. So betrug der Strompreis rund sechs Prozent weniger als der durchschnittliche Vertragspreis des Vorjahres, und im Gasbereich setzte sich der Preisrückgang in der Tendenz ebenfalls weiter fort. Seit Anfang 2025 müssen Stromlieferanten einen dynamischen Tarif anbieten. Für 2025 liegen noch keine Zahlen vor, im Vorjahr boten jedoch 412 Stromlieferanten solche Tarife an. Diese sind dem Bericht zufolge leicht günstiger als konventionelle Tarife.
Marktkonzentration bei konventioneller Stromerzeugung und Gasspeichern hoch
Wettbewerblichen Nachholbedarf gibt es unterdessen bei der Stromerzeugung und dem Gasspeicherbetrieb. In diesen Bereichen sei demnach „noch mehr Wettbewerb möglich und wünschenswert“, wie es im Bericht heißt. Das lässt sich auch an den Zahlen ablesen. Bei der konventionellen Stromerzeugung haben die fünf größten Unternehmen RWE, Leag, EnBW, Vattenfall und Uniper einen gemeinsamen Anteil von rund 55 Prozent. RWE und Leag kommen jeweils auf Anteile von über 20 Prozent. Zusammen erzeugten die beiden Unternehmen 2024 68,2 TWh Strom. Die drittplatzierte EnBW kommt mit einem Anteil von 6,9 Prozent der Gesamtmenge auf gerade einmal 11,4 TWh.
Im Vergleich zu 2023 sind jedoch die produzierten Strommengen bei den fünf Marktführern zurückgegangen. Produzierten sie 2023 noch 109,1 TWh Strom, waren es 2024 nur noch 90,2 TWh. „An diesen Anteilswerten ist jedoch der marktmachtsteigernde Effekt von Kraftwerksstilllegungen nicht ablesbar“, mahnte Mundt. Der Kohleausstieg und die dadurch geringere Verfügbarkeit von konventionellen Kraftwerken habe die „Marktmacht insbesondere der größten Erzeuger spürbar erhöht“, so der Bundeskartellamts-Präsident weiter. Das Bundeskartellamt bemängelt die Marktmacht der großen Stromerzeuger seit Jahren. Immer wieder müssen sie sich daher Vorwürfen der Marktmanipulation stellen, zuletzt nach heftigen Preisspitzen im Zuge einer Dunkelflaute im Winter 2024. Das Bundeskartellamt und die Bundesnetzagentur fanden im Zuge einer Untersuchung jedoch keine Hinweise auf verdächtiges Verhalten.
Auch im Gasspeicherbetrieb bleibt die Marktkonzentration hoch. Der kumulierte Marktanteil der drei größten Speicherbetreiber Uniper, Sefe und VNG Gasspeicher beträgt rund 73 Prozent. Damit ist die Marktkonzentration seit 2020 sogar um sechs Prozent gestiegen. Die Speicherkapazität blieb in diesem Zeitraum auf einem ähnlichen Niveau von rund 290 TWh. Gegenüber dem Vorjahr hat sich unterdessen nichts geändert. Im laufenden Jahr allerdings gab es bisher zwei Stilllegungen. /rh


